“It’s the Use Case, Stupid”

Digital Assets ist das neuste In-Wort in der Finanzbranche. Vor ein paar Wochen lud mich Swithun Mason, Gründer von Mason Breese, zu einem Roundtable auf Jersey ein: «Digital Assets in Practice: the Practical Implications of Tokenisation». Mit dabei waren Vertreter des Finanzregulators der Insel, Asset Manager, Rechtsanwälte, Steuerberater und Produktmanager. Swithun stellte eine zentrale Frage: Braucht es die Tokenisierung von Assets überhaupt? Eine Aktie bleibt schliesslich eine Aktie, ein Bond ein Bond. Und falls ja: Braucht es in einer tokenisierten Welt noch etablierte Rollen wie Asset Manager, Broker, Custodians oder Central Securities Depositories (CSD)?

Spoiler vorneweg: Ich glaube ja.

Als Produktmanager beurteile ich neue Technologien und Geschäftsmodelle aus Kundensicht. Entscheidend ist, ob ihre Anwendungsfälle genug Mehrwert bieten, damit Kunden ihr Verhalten ändern und von bestehenden zu neuen Lösungen wechseln.

Was sind Digital Assets? Token.

Bevor wir zu den Anwendungsfällen kommen, müssen wir klären, was Digital Assets sind. Ich bevorzuge den Begriff Tokenized Assets, denn Aktien, Obligationen und Buchgeld sind heute bereits digital. Tokenisierung bedeutet, dass ein Datensatz kryptografisch auf Echtheit und Einmaligkeit geprüft werden kann. Dadurch wird er auch ohne vertrauenswürdige Intermediäre handelbar.

Dazu gehören Kryptowährungen wie Bitcoin, Solana oder Ethereum. Auch Zentralbankgeld kann als Stablecoin oder Central Bank Digital Currency (CBDC) tokenisiert werden. Non-Fungible Tokens (NFTs) repräsentieren physische oder digitale Wertgegenstände wie Bilder, Whiskyfässer oder Diamanten als digitale Zwillinge. Aktien und Obligationen können ebenfalls tokenisiert werden. Hinzu kommen Utility Tokens, die Zugangs- oder Nutzungsrechte abbilden, sowie Meme Coins – das Panini-Bildchen der Kryptoszene, dessen intrinsischer Wert sich meist Fans und Sammlern erschliesst.

«It’s the use case, stupid!»

Ob Geschäftsmodelle beziehungsweise Marktangebote mit Tokenized Assets erfolgreich sind, hängt von fünf Erfolgsfaktoren ab. Der erste Erfolgsfaktor ist das Marktangebot per se. Das Angebot muss einen Mehrwert bieten, für welchen Konsumenten oder Unternehmen bereit sind zu bezahlen. Mehrwert liegt dann vor, wenn die Geschäftsfälle mit tokenisierten Assets die Kunden

  • von alten, komplexen, langsamen oder teuren Prozessen erlösen,

  • von Restriktionen in Zeit, Ort und Kanal befreien,

  • von sozialem oder regulatorischem Zwang entlasten, oder

  • schneller reich machen (Das Motiv «Gier» zieht immer). 

Kryptowährungen, zum Beispiel, waren ursprünglich als Transaktionswährung gedacht. Sie sollten den Tausch von Ware gegen Geld unabhängig von Finanzinstituten ermöglichen, welche durch die Finanzkrise 2007 in Verruf geraten waren. Schlussendlich wurden sie jedoch zum Spekulationsgut. Und eng verbunden mit diesem Geschäftsfall sind die Stablecoins. Gemäss einer Untersuchung von Mastercard werden 70% der Stablecoins für das Kaufen und Verkaufen von Krypto-Währungen auf Krypto-Börsen und dezentralen Netzwerken genutzt. Bitcoin vs. USD und umgekehrt.

Kryptowährungen sind nicht nur Spekulation

Dennoch greift es zu kurz, Kryptowährungen nur als Spekulation zu sehen. Sie helfen auch Menschen in instabilen Wirtschaftsräumen, ihr hart erarbeitetes Geld vor Inflation zu schützen. Das gab es schon vor Krypto: Menschen kauften seit jeher Fremdwährungen, um den Wertverlust ihrer Heimwährung abzufedern. Krypto-Börsen und dezentrale Netzwerke machen es heute aber einfacher, inflationsresiliente Stablecoins oder Kryptowährungen zu kaufen und zu verkaufen. Für ein Wallet bei einer Krypto-Börse genügen meist Identitätskarte und Smartphone.

Ein weiterer Anwendungsfall sind Remittance-Zahlungen, etwa von Gastarbeiterinnen und Gastarbeitern in ihre Heimatländer. So lassen sich hohe Gebühren von Anbietern wie Western Union oder informellen Geldkurieren wie Busfahrern umgehen.

Zug-um-Zug-Geschäfte ohne Intermediäre

Stablecoins eignen sich auch für klassische Zug-um-Zug-Geschäfte, etwa beim Handel mit tokenisierten Aktien oder Bonds auf digitalen Börsen. Generell ermöglicht die Tokenisierung von Wertpapieren, Fonds und Wertgegenständen wie Whiskyfässern oder Oldtimern eine einfachere Stückelung. So lassen sich Anlagen in kleineren Tranchen an eine breitere Käuferschaft verkaufen, und Emittenten erhalten leichter Liquidität, ohne Bankkredite aufzunehmen.

Auch im Business-to-Business-Bereich können Stablecoins Zug-um-Zug-Geschäfte vereinfachen. Als tokenisiertes Geld lassen sich Zahlungen mit Algorithmen verknüpfen, die vor der Auslösung prüfen, ob Bedingungen wie das Vorlegen von Verschiffungspapieren erfüllt sind. Prozesse werden dadurch schneller, laufen 24/7 und benötigen keine zusätzlichen Intermediäre – ausser dem Algorithmus, dem beide Parteien vertrauen müssen.

24/7-Transaktionen in Echtzeit fördern jedoch auch einen weiteren Anwendungsfall: professionellen Betrug. Zwar sind Transaktionen in tokenisierten Netzwerken gut nachverfolgbar, doch die einfache Eröffnung von Wallets in dezentralen Netzwerken macht sie anfällig für Money-Mule-Konten unter gestohlenen Identitäten. Über diese Accounts fliessen Millionen, wenn nicht Milliarden, aus Phishing und digitalem Betrug. Der Kunde von Digital Assets ist in dem Fall der Betrüger.

Erfolgreiche Plattformen brauchen kritische Masse

Alle genannten Anwendungsfälle brauchen Plattformen, auf denen Käufer und Verkäufer handeln. Für erfolgreiche Plattformlösungen gelten zwei Grundregeln: Reichweite und Skaleneffekte. Jedes Geschäftsmodell funktioniert nur mit genügend Teilnehmerinnen und Teilnehmern. Marktplätze mit wenigen Teilnehmenden sind oft ineffizient, weil der beste Preis nicht erreicht wird oder Transaktionskosten und Gebühren zu hoch sind. Bei einer Auktion alter Weine etwa ist die Käuferschaft klein. Damit sich das für das Auktionshaus lohnt, braucht es Gebühren von 10% des Auktionswerts plus eine fixe Lotgebühr.

Der zweite Erfolgsfaktor ist also Reichweite und Skaleneffekte. Daran scheitern bereits einige Use Cases für Tokenized Assets: Ist der Mehrwert zu klein, wechseln zu wenige Kunden auf die neue Lösung.

Broker, Market Maker und Custodians sind Reichweiten-Booster

Dies beantwortet auch die Frage, ob es in einer Welt, in der Käufer und Verkäufer direkt Tokenized Assets auf Plattformen handeln können, noch die traditionellen Intermediäre braucht. Ja, denn sie schaffen Reichweite.

Einige Käufer und Verkäufer sind versiert genug und können auf Blockchains direkt interagieren, Wallets einrichten und Kauf- oder Verkaufsorders selbst verhandeln und die Risiken dahinter einschätzen. Doch die meisten Konsumenten und Unternehmen haben weder Wissen noch Zeit oder Lust dazu. Sie sind zufrieden, wenn sie jemanden beauftragen können, der sich auskennt, Aufträge sorgfältig ausführt und Assets sicher verwahrt. Broker, Custodians und Market Maker ermöglichen der breiten Masse den Zugang zu Tokenized Assets.

Kunden leben in ihren bestehenden Prozessen

Intermediäre binden neue Technologien in bestehende Kundenprozesse ein. Sie sorgen dafür, dass nicht-tokenisierte Assets wie Geld in tokenisierte Assets wie Stablecoins umgewandelt werden. Damit sind auch der dritte und vierte Erfolgsfaktor benannt: Assets müssen einfach tokenisiert und de-tokenisiert werden können, und Plattformen müssen sich leicht in bestehende Prozesse integrieren lassen. So bleiben Wechselkosten für Konsumenten und Unternehmen gering.

Der fünfte Erfolgsfaktor ist eine stabile regulatorische Grundlage. Das zeigte der Roundtable in Jersey deutlich: Gewinnen Betrüger die Oberhand, stirbt jede Plattform. Unser Wohlstand basiert darauf, dass Handels- und Transaktionssysteme zuverlässig und fair funktionieren. Und unsere Gesellschaft kann nur bestehen, wenn wir auf die Wertschöpfung, die auf solchen Plattformen entsteht, faire Steuern zahlen.

Es braucht alle fünf Erfolgsfaktoren

Geschäftsmodelle mit Tokenized Assets sind nur praktikabel, wenn sie die fünf Erfolgsfaktoren der Plattformökonomie erfüllen. Sie müssen gegenüber bestehenden Lösungen echten Mehrwert schaffen und genug Kunden zum Wechsel bewegen. Nur so entstehen Skaleneffekte und Reichweite. Wichtig sind zudem die einfache Integration in bestehende Kundenprozesse sowie die einfache Tokenisierung und De-Tokenisierung von Assets. Bestehende Intermediäre wie Banken, Broker, Market Maker, Custodians oder Central Counterparties spielen dabei eine zentrale Rolle. Und zuletzt braucht es gemeinsame Spielregeln, damit Betrüger die Glaubwürdigkeit von Tokenized Assets und ihrer Plattformen nicht untergraben. Nur so entstehen Lösungen, welche langfristig Erfolg haben.

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