Die 100 Hüte des Produktmanagers: CEO, Diplomat oder doch Spin-Doktor des Produkts?

Die 100 Hüte des Produktmanagers ist ein weit verbreitetes Bild dafür, wie vielseitig die Aufgaben in dieser Rolle sind. Doch ist das tatsächlich eine Stärke oder eher ein Zeichen für ein Organisationseffekt? In dieser Folge des t’charta chats Podcast sprechen Dennis und Patrick Bönig, Head of Product Management bei Dräger, über die Problematik dieser Vielseitigkeit, die Kernkompetenzen eines Produktmanagers und welche Namen die Rolle am besten beschreiben.

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Kümmerer oder Produktmanager

Fragt man drei Produktmanager nach deren Aufgaben, erhält man mindestens 5 verschiedene Rollen, so beschreibt Patrick das Problem der Vielseitigkeit. Und genau, weil die Rolle so divers ist, wird das Produktmanagement schnell zum Auffangbecken für alles, was keiner mehr machen möchte mit der Begründung: Es betreffe ja das Produkt. Eine klare Abgrenzung des Aufgabenbereichs ist deshalb entscheidend für effizientes Arbeiten. Auch mit der Bezeichnung “Kümmerer” hat Patrick seine Probleme. Denn ein “Kümmerer” löst zwar Probleme, macht das allerdings sehr operativ. Produktmanager sollten jedoch auch durch strategisches Denken einen Mehrwert liefern und dafür sorgen, dass Entscheidungen nachhaltig getroffen werden. Zusammengefasst: Ein “Kümmerer” löst Probleme, eine Produktmanagerin verhindert, dass sie wieder auftauchen.

Schnittstellen statt Hüte

Anstelle der 100 Hüte spricht Patrick lieber von 100 Schnittstellen. Und an diesen Schnittstellen liegt die eigentliche Kunst: Verantwortung übernehmen, ohne sich jeden fremden Affen auf die Schulter setzen zu lassen. Wenn ein Thema in die Supply Chain gehört, muss es dort gelöst werden – der Beitrag des Produktmanagements besteht dann in Information und Klarheit, nicht in operativer Übernahme. Der eigentliche Wert entsteht an anderer Stelle: im Übersetzen. Zwischen abstrakten Unternehmensstrategien und konkret umsetzbaren Produktentscheidungen, zwischen Markt und Technik, zwischen dem, was der Vorstand will, und dem, was am Ende gebaut werden kann. Dadurch entstehen Kompromisse und schlussendlich auch Entscheidungen.

Entscheidungen treffen unter Unsicherheit

Ein Thema, das Patrick hörbar am Herzen liegt: Entscheidungsfähigkeit. Nicht nur als Fussballschiedsrichter oder bei der Bundeswehr, sondern auch im Produktmanagement ist Entscheidungen treffen elementar. Drei Prinzipien bringt er auf den Punkt. Erstens braucht es einen klar benannten Entscheider bzw. Entscheiderin, bevor man in ein Meeting geht – nicht erst dann, wenn es brennt. Zweitens braucht dieser Entscheider Leitplanken: einen klaren Rahmen, in dem er entscheiden darf, und eine ebenso klare Eskalationslogik für den Moment, in dem dieser Rahmen nicht mehr ausreicht. Drittens – und das hält er für den wichtigsten Punkt – muss man akzeptieren, dass man nie hundertprozentige Informationssicherheit haben wird. Der Versuch, jeden Fehler im Vorfeld zu vermeiden, kostet nur wertvolle Optionen und Zeit. Wichtiger ist ein sauberer Lessons-Learned-Prozess danach: Was wollte ich erreichen, was ist passiert, warum, und wie verhindere ich das nächste Mal denselben Fehler.

Vom CEO zum Diplomaten zum Spin-Doktor

Der viel zitierte Satz "Du bist der CEO deines Produkts" klingt gut, trägt aber selten weit genug. Entscheidend ist nicht der Titel, sondern das Mandat: Darf ich wirklich entscheiden, oder diskutieren wir drei Monate weiter? Ohne klares Mandat und klare Entscheidungsrechte scheitert Produktmanagement fast zwangsläufig – unabhängig davon, wie es im Organigramm platziert ist. Gleichzeitig darf die CEO-Rolle nicht zu wörtlich genommen werden, von oben herab zu regieren macht sich selten gut. Und wer sich Sales und Operations zum Gegner macht, kommt mit seinem Produkt nirgendwo hin.

Treffender als der CEO des Produkts ist der Diplomat. Jemanden, der widerstreitende Interessen versteht, ein Lagebild erstellt und Kompromisse verhandelt, statt sie zu diktieren. Diese Diplomatiefähigkeit bleibt eine Kernkompetenz, die kein Tool und keine KI ersetzen kann.

Und wer noch etwas zynischer sein möchte, kann auch vom Spin-Doktor des Produkts sprechen.

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