Mehr Tony Stark, weniger Excel: Wie Product Mining und KI Entscheidungen verbessern
Produktportfolios werden grösser, Abhängigkeiten komplexer und Entscheidungen sowohl umfangreicher als auch dringlicher. Was früher mit Excel-Analysen, periodischen Reviews und wenigen Personen in einem Raum funktionierte, stösst heute an seine Grenzen: Relevante Produkt-, Kunden- und Lieferantendaten sind über zahlreiche Systeme und Abteilungen verteilt, und immer mehr Beteiligte müssen in Entscheidungen einbezogen werden. Wie kann Produktmanagement unter diesen Bedingungen schneller entscheiden, ohne wichtige Zusammenhänge zu übersehen?
In dieser Folge des t’charta chats Podcast spricht Catherine mit Alexey Samkov, Mitgründer und CEO von MYNR, über operative Produktportfolio-Steuerung, verborgene Komplexitätskosten und die Frage, wie «Product Mining» Produktmanagerinnen und Produktmanager unterstützen kann.
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Product Mining macht Zusammenhänge sichtbar
Sobald Entscheidungen getroffen werden, sind die Analysen dahinter bereits wieder veraltet - dieses Problem hört Alexey sehr oft. Ohne die nötigen Beweise und Argumente, bewegt sich der Entscheidungsprozess sehr langsam und am Ende wird lieber vertagt als entschieden.
Genau hier setzt Product Mining an. Ähnlich wie Process Mining die tatsächlichen Abläufe in Prozessen sichtbar macht, verbindet Product Mining Daten aus ERP-, PIM-, PLM- und weiteren Systemen zu einem ganzheitlichen Bild des Produktportfolios. Dadurch entsteht ein digitaler Zwilling der Produktwertschöpfungskette. Unternehmen können analysieren, welche Lieferanten an bestimmten Produkten hängen, welche Kunden betroffen wären oder welche Varianten existieren.
Der entscheidende Mehrwert liegt jedoch nicht nur in der Transparenz. Alexey und sein Team haben darauf ein Steuerungssystem gebaut, welches ermöglicht, verschiedene Szenarien zu simulieren und Entscheidungen direkt umzusetzen. Daraus entsteht ein durchgängiger Entscheidungsprozess, vom ersten Impuls über die Analyse und das Stakeholder Management bis zur konkreten Massnahme.
Die versteckten Kosten liegen oft in der Mitte des Portfolios
Viele Unternehmen konzentrieren sich auf ihre erfolgreichsten Produkte oder auf offensichtliche Verlustbringer. Doch das grösste Optimierungspotenzial befindet sich häufig dazwischen. Die grosse Menge an Produkten und Varianten mit durchschnittlicher Performance verursacht oft erhebliche Komplexitätskosten, die in klassischen Auswertungen nicht sichtbar werden.
Dabei geht es beispielsweise um ähnliche Komponenten, die nie konsolidiert wurden, um Varianten mit geringer Nachfrage oder um Produkte, die zwar Umsatz generieren, aber unter Berücksichtigung aller Kosten kaum Wert schaffen. Das eigentliche Problem ist nicht fehlendes Wissen, sondern der Mangel an einer funktionsübergreifenden, faktenbasierten Sicht auf das gesamte Portfolio. Ohne diese Transparenz bleiben viele Optimierungsmöglichkeiten verborgen.
Ein spannendes Konzept stellt hier die «Beweislastumkehr» dar. Das Produktmanagement stellt eine Entscheidung aufgrund der Daten und Fakten vor, während die involvierten Stakeholder beweisen müssen, wieso die Entscheidung anders getroffen werden soll.
KI-Agenten als Verstärker für Produktmanagerinnen und Produktmanager
Ein weiterer Schwerpunkt des Gesprächs war der Einsatz von agentischer KI. Dabei geht es nicht um Chatbots, sondern um intelligente Software-Agenten, die eigenständig Daten analysieren, Zusammenhänge erkennen und Entscheidungsgrundlagen vorbereiten.
Alexey verwendet für MYNR den Vergleich mit Iron Man: Der Produktmanager bleibt „Tony Stark“, während MYNR die Rolle von „Jarvis“, also der KI im Iron-Man-Anzug, übernimmt. Durch den Anzug und durch die KI werden seine Fähigkeiten um ein Vielfaches erhöht. Die Verantwortung und das Urteilsvermögen bleiben allerdings beim Menschen. Die KI übernimmt die zeitaufwändigen Aufgaben wie Datensammlung, Analyse und das Zusammenbringen komplexer Abhängigkeiten.
Dadurch verändert sich die Rolle des Produktmanagements. Weniger Zeit fliesst in Excel-Analysen und manuelle Datenaufbereitung, mehr Zeit in strategische Fragestellungen, das Abwägen von Zielkonflikten und die Umsetzung von Entscheidungen. Der Fokus verschiebt sich vom Analysten zum Dirigenten, der unterschiedliche Informationen zusammenführt und daraus konkrete Handlungen ableitet.
Die zentrale Erkenntnis aus dem Gespräch: Erfolgreiche Produktportfolio-Steuerung bedeutet heute nicht, mehr Daten zu sammeln, sondern schneller aus vorhandenen Daten die richtigen Entscheidungen abzuleiten. Wer Komplexität sichtbar macht und Entscheidungen systematisch umsetzt, schafft Freiräume für Innovation und zukünftiges Wachstum.