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Hat Instant Payment einen Business Case? Aber sicher.

Instant Payment ist aktuell das grosse Thema in der Zahlungsverkehr-Community. Nächstes Jahr ist es so weit: Das Instant Payment Verarbeitungssystem der Schweizerischen Nationalbank (SNB) geht live. Auf diesem neuen Verfahren werden Zahlungen zwischen den Schweizer Banken innerhalb von 10 Sekunden von Kundenkonto zu Kundenkonto abgewickelt, während 24 Stunden und 7 Tage die Woche.

In einer ersten Phase wird Instant Payment als Subsystem des heutigen Realtime Gross Settlement Systems (RTGS) der SNB betrieben, welches, wie es der Name sagt, heute auch Kundenzahlungen in Echtzeit abwickelt, und dies während 23.5 Stunden und 5.75 Tage die Woche. Daneben gibt es auch noch mobile Zahlsysteme wie TWINT & Co. oder die Debitkarten von Mastercard und Visa, welche alle ebenfalls Zahlungen in Echtzeit abwickeln.

Kein Wunder, dass sich einige Mitglieder der Community offen fragen, ob es ein neues Instant Payment System überhaupt braucht. Wer wird es benutzen bei so vielen Alternativen? Und wenn ja, bekommt das System überhaupt genügend Volumen, um die millionenschweren Investitionen des Finanzplatzes zu refinanzieren? Ich finde die Diskussion etwas uninspiriert: Wenn eine Technologie ermöglicht, bestehende Dienstleistungen noch schneller, bequemer und freier von Ort- und Zeitrestriktionen zu machen, dann sollte man die Chance packen und sein Kundenangebot überdenken und perfektionieren.

Instant Payment ist zu langsam

Viele Skeptiker von Instant Payment bringen an, dass Instant Payment zu langsam ist. Sie haben recht. Eine Zahlung mit einer Debitkarte oder TWINT dauert einen Bruchteil der 10 Sekunden, welche eine Instant Payment Zahlung dauert. In weniger als einer Sekunde ist die Autorisation der Zahlung beim Zahlungsempfänger – inklusive Zahlungsgarantie. Kein Mensch wird 10 Sekunden an der Supermarktkasse warten, bis die Zahlung bestätigt ist.

10 Sekunden sind in der Point-of-Sales (POS) und E-Commerce Zahlungswelt eine Ewigkeit. Instant Payment wird dort der Debitkarte oder TWINT nicht das Wasser reichen können. Wo liegt also der Business Case für Instant Payment? Hierzu muss man das Zahlverhalten der Schweizer aus der Rechnungssteller-Sicht betrachten. Eine t’charta Analyse basierend auf Zahlen der SNB, der SIX und TWINT zeigt, dass die klassische Überweisung, der Credit Transfer, mit fast 40% immer noch das häufigste Zahlungsmittel in der Schweiz ist. Mit ihr werden Mobilabonnemente, Versicherungsprämien, Mieten, Gewerberechnungen, Löhne oder Lieferanten bezahlt.

Quelle: SNB, SIX, TWINT, 2023.

Die Überweisung ist ein sogenanntes «Deferred Payment»: Die Zahlung durch den Zahler geschieht zeitverzögert zur Präsentation des geschuldeten Betrages durch den Rechnungssteller. Zeitverzögert heisst, dass der Rechnungssteller während der Zeit, in welcher er auf sein Geld wartet, Kosten hat:

  • Mahnkosten
  • Delkrederekosten
  • Finanzierungskosten
  • Unproduktives Working Capital

Der IP Business Case heisst „Working Capital Optimierung“

Vor allem das Ausbleiben des Working Capitals ist ein Kostentreiber, der sich durch ein steigendes Zinsumfeld noch verstärkt. Während der Rechnungsteller 30 und mehr Tage auf das Bezahlen der Rechnung wartet, läuft sein operativer Betrieb weiter. Diesen Betrieb muss er vorfinanzieren, was Kapitalkosten von rund 12 Basispunkten für ihn bedeuten. Noch schlimmer, während das Geld beim Zahler verweilt, arbeitet es nicht für den Zahlungsempfänger. Es schöpft keinen Wert.

Quelle: t’charta Analyse, 2023.

Wenn zum Beispiel nur die Hälfte seiner Kunden umgehend – also instant – statt mit 30 Tagen Verzögerung bezahlen würden, könnte der Rechnungssteller mit dem Geld während 15 Tagen mehr Marge generieren. Das macht schnell einen Ertrag von 30 Basispunkten. Genau hier ist der Business Case für Instant Payment versteckt: Nicht beim Konsumenten, sondern beim Rechnungssteller.

Instant Payment braucht Zahlmittel ohne Änderungsoptionen

Mit Instant Payment kann der Rechnungssteller Working Capital Kosten sparen. Die Voraussetzung ist, dass er den Kunden motivieren kann, ein Zahlungsmittel zu verwenden, welches automatisch zu einem Instant Payment führt. Das klassische Online-Banking, mit dem heute fast alle Rechnungen gezahlt werden, greift hier zu kurz. Der Konsument kann bei Online Banking Überweisungen das Ausführungsdatum der Zahlung jederzeit verändern. Das macht Frau und Herr Schweizer auch, um ihre eigene Zinsfunktion zu verbessern.

Das Instant Payment System der SNB muss also hinter Zahlungsmittel gehängt werden, welche QR-Rechnungen scannen können und eine Abänderung der Valuta nicht erlauben. TWINT wäre dafür natürlich prädestiniert. Auch eBill könnte man um eine Instant Payment Variante erweitern. Selbst in Wallets hinterlegte Debit- oder Kreditkarten – Stichwort Viseca One App – könnten Instant Payments bei der Bezahlung von QR-Rechnungen auslösen.

Request-to-pay als Ansatz – vor allem im Business-to-Business

Eine weitere Möglichkeit wäre ein Nachfolgeprodukt der Lastschrift auf Basis des in Europa bekannten Request-to-Pay Ansatzes. Dabei avisiert der Rechnungssteller den Zahler zum Beispiel via dem Mobile Banking der Bank, dass er einen offenen Rechnungsbetrag einfordert, und der Zahler gibt diesen mit einem Swipe als Instant Payment frei. Oder das Instant Payment wird, wie bei der Lastschrift, bei wiederkehrenden Zahlungen oder Abonnenten automatisch belastet. Ein solches Verfahren wäre auch im gewerblichen Zahlungsverkehr willkommen, wo das Working Capital Problem noch ausgeprägter ist. Dort sind die Rechnungsbeträge zwischen Lieferanten und Käufern noch höher und die Zahlungsfrist mit 45 Tagen und mehr noch länger.

Nach t’charta Schätzungen sind für Banken und Rechnungssteller durch diese Fristverkürzungen bei Rechnungszahlungen jeweils Erträge bzw. Einsparungen von je 20 Basispunkten möglich. Dies scheint wenig, ist aber im Vergleich etwa das, was eine kartenherausgebende Bank an einer Debitkarten-Transaktion (noch) verdient.

Mehrere Zahlmittel schlank ans Instant Payment System bringen

Damit die Banken an Instant Payment etwas verdienen, müssen sie die Verarbeitungsketten von Instant Payments möglichst schlank gestalten. Drittparteien wie Acquirer, Kartennetzwerke oder Original Equipment Manufacturer (OEM) von Mobiltelefonen, welche heute an Kartentransaktionen mitverdienen, müssen auf ein Minimum reduziert werden. Wie bei der klassischen Überweisung müssen die Banken Rechnungssteller und Zahler direkt zusammenbringen. Übersteigen nämlich die Kosten für eine Instant Payment Transaktion die Einsparungen im Working Capital Management, wird die Lösung kein Rechnungssteller adaptieren.

Je mehr Zahlmethoden den Use Case «Rechnungen zahlen» neu unterstützen und an das Instant Payment System der SNB angebunden werden, desto besser. Die Konkurrenzsituation führt zu optimaleren Preisen und effizienteren Abwicklungen, auch wenn heute alle wichtigen Zahlmittel von den Schweizer Banken kontrolliert werden.

Für mich lässt sich die Frage, ob Instant Payment einen Business Case hat, mit einem klaren «Ja» beantworten. Der Case liegt nicht im Ersetzen von heutigen Zahlmitteln am Point-of-Sale oder E-Commerce, er liegt in der Optimierung des Working Capital Managements für den Rechnungssteller. Damit dies gelingt, müssen verschiedene Zahlmittel ausserhalb des klassischen Online-Banking den Use Case «Rechnungen zahlen» aufnehmen – mit oder ohne QR-Code scannen – und für den Rechnungssteller als Instant Payment abwickeln. Die Banken müssen dabei aber auch wieder stärker das Ruder übernehmen, und ihre Firmenkunden mit «Deferred Payment»-Geschäftsfällen direkter und nicht über intermediäre Drittparteien bedienen. Instant Payment erfüllt digitale Imperative «Wherever, Whenever, However» und daraus lässt sich immer ein perfektioniertes Kundenangebot der Banken für die Rechnungssteller schaffen.